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Das Leben, Blicke | Abflug | Unterwegs | Rastafari | Das Riff

Die Eltern sagen: Geld verdienen, eine Familie gründen, denn du sollst zufrieden sein. Die Freunde fordern: Komm! Das ziehen wir uns rein. Bob Marley singt: One Love. Jim Morrison: Gib Gas! Die Ökos: Autos machen keinen Spaß. Die Punks: Haste mal zehn Cent! Der Fernseher: Kauf mich! (… implodiert und brennt.) Der Pfarrer: Gott ist das Licht! Die Atheisten: Stimmt ja nich’ … Licht aus! Kommen die Rechten, singen: Ausländer rrraus! Und der Intellektuelle: Sieh das mal differenzierter, hey, lass uns das mal ausdiskutieren … und just hier erscheint Albert Einstein und doziert, Zeit und Masse eines Objekts verhielten sich relativ zu seiner Geschwindigkeit oder so ähnlich. Wie ist das, haben Dicke dann mehr Zeit oder bewegen sie sich einfach langsamer? … Scheiße, wie soll man sich denn für etwas entscheiden, wenn alles so gottverdammt relativ ist?!

Als Zacharias aus kargem Schlaf erwachte, versuchte er sich Müdigkeit vorzutäuschen, denn der Abschied stand bevor. Laila, bei der er geschlafen hatte, brachte ihn um vier Uhr morgens, als ihre rote Liebeskerze erst halb abgebrannt war, zum Haus seiner Eltern, küsste ihm Lebewohl, sagte ihm all das, was wichtig war, und schon stand Zacharias unter einem missmutigen Oktoberhimmel, der zwingend und zerrissen ihm selbst entquollen schien. Er hatte Laila kein Versprechen geben wollen, hatte ihr nur erklärt:

– Ich will frei sein, will zumindest das Gefühl haben, frei zu sein. Und so kann ich auch nicht von dir verlangen, dass du auf mich wartest … Wir wussten ja von Anfang an, dass ich gehen würde … was passiert, das passiert – aber vielleicht passiert ja auch nichts, wenn das Gefühl dagegen spricht … Wichtig ist nur, dass wir uns alles sagen; und ich werde dich nicht anlügen … Ich liebe dich. Aber ich muss jetzt gehen.

– Es ist deine Entscheidung, hatte Laila geantwortet. Ich will dich nicht abhalten. Du sollst nur wissen … ich weiß, du willst das jetzt nicht hören, es ist dir unangenehm, du willst dich nicht festlegen, aber … ich würde gern was mit dir aufbauen. Ist das nicht Liebe? Denk nur bitte drüber nach. Ich wünsch dir alles Gute.

Zak, wie ihn seine Freunde nannten, erlebte jeden Augenblick zeitverzögert. Lailas Worte tanzten ihm noch durch den Kopf, als das Auto längst abgefahren war. Es waren auch nicht genau die Worte, die gefallen waren, sondern die Essenz aus dem, was Laila und er schon hunderte Male besprochen hatten – so oft, bis sie selbst daran glaubten.

Er hatte sich schon immer auf Ankündigungen verlassen, wenn es darum ging, sich selbst einen Handlungszwang aufzuerlegen. Wenn zum Beispiel seine Eltern oder Freunde ihn fragten, was der eigentliche Grund für seine Reise sei, antwortete Zak manchmal etwas hochgestochen:

– Ich will eine Welt kennen lernen, die anders ist; weil unsere nicht alles sein kann. Nach dem Relativitätsprinzip kann man ja nicht feststellen, wie schnell und wohin sich das eigene System bewegt, wenn man keinen äußeren Bezugspunkt hat. Man muss erst ausbrechen, um den Käfig zu sehen. Genauer kann ich es euch nicht beschreiben.

Darauf erwiderten einige: – Du hast wohl zuviel in deinen Büchern gelesen … Das ist doch reine Zeitverschwendung … Das muss man sich mal vorstellen, du verlierst ein ganzes Jahr mit solchem Unfug! Du musst eine Ausbildung machen oder studieren, du musst arbeiten, musst verdienen, was Vernünftiges machen. Du wirst dich nach einem Jahr in Lateinamerika nicht wieder eingliedern können: Du musst, du musst, bumm bumm, bumm bumm.

Andere warnten ihn, gegen Windmühlen zu kämpfen: – Die Welt ist so, wie sie ist, mein Junge, du kannst sie nicht ändern, das haben schon andere vor dir versucht … und du siehst ja, was daraus geworden ist!

Aber es gab auch Leute, die ihn besser verstanden, dazu gehör-ten seine Eltern, die sagten: – Natürlich ist die Welt schön und aufregend. Und du sollst sie dir ja auch erobern. Aber warum Lateinamerika, warum Guatemala? Dort ist es so gefährlich. Sieh doch die Guerilla! Die Überfälle, die Erdbeben, die Krankheiten! Und diese Armut! Überleg es dir noch mal, flieg doch nach
Australien.

Natürlich brachte Zak auch einige Argumente, die selbst vom Standpunkt der anderen für sein Vorhaben sprachen: So eine Reise konnte kein verlorenes Jahr sein, mit all der Erfahrung, die er erwerben würde, vor allem mit einer neuen Sprache. Insgeheim aber wischte er alle Einwände beiseite: Keiner seiner Freunde und Verwandten sprach aus Erfahrung, glaubte er, vielmehr waren es Angst oder Klischees, die aus ihnen sprachen, oder sie konnten einfach nicht loslassen.

Er wollte weg, es stieß ihn und es zog. Voriges Jahr in Südfrankreich hatte es ihn gepackt: Gerade On the road gelesen und mit Nadia aus Montreal durchgezecht, eine ganze Nacht durchgeredet, nur geredet – über das Grab von Jim Morrison in Paris, über Nietzsche, Dionysos und den ganzen Rest – noch eine Flasche Wein auf den Klippen – und über das Reisen, die Idee des Reisens. Nadia war diese Idee, war es gewesen … so lange schon unterwegs und so viele Geschichten, und zum Schluss hatten sie immer nur halbe Sätze gebraucht, of course, of course – dieses Verstehen mit nur wenigen gemeinsamen Worten.

Seitdem träumte Zak. Wollte high sein von der Freiheit (und dem was in ihr wächst). Wollte fremde Menschen berühren, Staub schmecken und Kokossaft trinken und was man so tut in wilden Straßen, in schattigen Gärten. Er wollte die Anden sehen und die Karibik und unbedingt den Amazonas; und besser noch selbst durch Lateinamerika rauschen, voll und biegsam, alles auf- und mitzunehmen im Oberlauf, um sich schließlich ins Meer zu schütten, braun und fruchtbar.

In Guatemala würde die Reise beginnen und in Caracas enden, darauf hatte er sich festgelegt – mehr nicht; der Rest würde sich ergeben. Nur wenig hatte er gelesen über Lateinamerika, ohne Urteile wollte er durch die Welt ziehen. Und seinen Spanischkurs an der Volkshochschule hatte er in alter Schultradition ver-schlampt, die Freunde und das Feiern waren wichtiger gewesen. Er fühlte sich also schlecht vorbereitet, aber sich darüber Sorgen zu machen, lohnte nicht. Der Rucksack war gepackt und viel zu schwer von den vielen Büchern, und er musste das jetzt durchziehen: Liebe und Freundschaft zurückweisen, wofür auch immer.

Laila, seine Lola wenn es heiß wurde – jeden Tag ihrer kurzen Beziehung hatte er ihr neue Namen gegeben, und dieser war geblieben – Lola also war dazwischengekommen vor drei Monaten, als sein Entschluss schon lange feststand. Es war einfach passiert, obwohl er sich gegen diese Liebe gewehrt hatte.

Und nun stand er hier: eine gewöhnliche Straße im Ruhrgebiet, seine erste Straße. Laila hatte nicht mit hinein kommen wollen zu seinen Eltern, aber er würde jetzt nicht nachgeben. Sein Gesicht verzerrte sich, konnte sich nicht wieder entkrampfen, so wie das ist, wenn man um jeden Preis die Tränen zurückhalten will.
Zu viele Worte zum Abschied tun weh.
Auf der Vergangenheit liegt glühender Staub.
Alles war gut, und nichts wird mehr, wie es war.
Küss mich, als wäre es das letzte Mal. >> to top

In diesen wilden Bergen zwischen dem Río Magdalena und Medellín gab es niemanden, den das ständige Hupen des Busses vor jeder Kurve hätte stören können, und die Passagiere starrten gebannt auf den Bildschirm, über den ein Actionfilm knallte und sprang und kickboxte … Eines hatte Zak gelernt: Ein Auto ohne Hupe ist wie ein Mann ohne cojones. Jedes Mal wenn sie durch ein Straßendorf kamen, vorbei an einem Heiligenschrein oder einer Kirche, betete er, dass endlich die Dunkelheit käme, denn dann würden die Scheinwerfer eingeschaltet, und die Fahrer könnten die Lichthupe zur Warnung der entgegenkommenden Busse einsetzen. Vielleicht würde dann auch endlich der verdammte Fernseher abgeschaltet.

Und Scheiße! Wozu braucht die Welt Jean-Claude van Damme? Man will die Landschaft genießen, doch der aufdringliche Krach, das Geflim-mer, lässt einen immer wieder zum Bildschirm lünkern. Selbst wenn man eine Weile bewusst wegschaut, irgendwie fängt es einen doch wieder, oder man sieht Karatesprünge reflektiert in den Scheiben. Es lässt sich nicht vermeiden. Und es stellt sich die Frage, was kitschiger ist – die südamerikanische Vorliebe für neonbeleuchtete Kirchenfassaden und leidende Jesusfiguren oder die nordamerikanische Auffassung von Heldentum und Männlichkeit?

Das Video erlosch tatsächlich, als die Berge zu bizarren Schatten im Mondlicht wurden. Man konnte sie nur sehen, wenn man die Nase an die Scheibe drückte und das Blickfeld mit den Hän-den abschirmte, denn die Schlafbeleuchtung verwandelte die Scheiben in Spiegel und das Innere des hochmodernen aerodyna-mischen Busses in ein U-Boot. Ein beruhigendes Brummen war zu hören und das Knistern der Kleidung, wenn sich jemand in seinem Sitz herumwälzte. Das Atmen von fünfzig Menschen, darin einzelne Schnarcher, die nach jeder scharfen Kurve und jedem überdurchschnittlichen Schlagloch verstummten. Die Klimaanlage verströmte eine trockene Kälte. Tauchfahrt durch die Nacht. In den Scheiben spiegelt sich das Innere des Busses. Neben uns, links und rechts, fahren zwei weitere Busse; drei Busse auf einer so schmalen Straße, das kann nicht gut gehen. Welcher ist der richtige, welcher der wahre Bus? Zwei sind nur Ideen … und die Mondsichel grinst wie eine Katze ohne Katze, Gedanken tanzen im Rhythmus der Straße … so let’s ride and ride and ride … guter alter Iggy.

Das Wanderfieber ergriff Zak in Phasen, und nun war es wie-der soweit. Nach nur einer Nacht in Santa Fe hatte er das Gefühl, weiter zu müssen, woanders etwas zu verpassen: Das Leben ist eine Reise. Und aus der Bewegung heraus, erscheint auch das Zuhause nur als eine Station von vielen. Stillstand ist Rückschritt, und der Mensch muss weiter, immer weiter. Reisen bedeutet auch, sich verändern zu lassen. Jetzt nur sich nicht in Sätzen verheddern, Phrasen über Phrasen.

Nichts habe ich getan, wenn ich einen ganzen Tag im Bus gesessen habe, dennoch bin ich glücklich, weitergekommen zu sein: Das Unterwegs als Zustand – aktives Passivsein, Verharren in Bewegung –, es packt mich, drängt mich weiter, und gleichzeitig frage ich mich, warum, was soll ich hier? Was soll noch der Amazonas? Dann wieder: Ich bin der Amazonas. Weil: Reisen ist manchmal bloßes Fließen, dann wieder ein fragendes Hin und Her nach dem Meer.

Nach Newton gibt es keinen absoluten Ruhepunkt im Raum, jede Be-wegung ist relativ, und nach Einstein gilt dieses Prinzip auch für die Zeit: Damit ist es eine Frage des Standpunkts, ob ein Bus fährt, oder ob die Erde sich unter ihm wegdreht. Bewegung ist eine Frage der Perspektive. Das Konzept von der Ortsgebundenheit der Heimat hat sich längst überholt.

Reisen kann man in Bussen und Gedanken. Unmöglich dabei mit der Welt im Reinen zu sein, aber wer möchte das schon? Ich will meinen zerrissenen Himmel genießen, die Energie der Reibung. Wir spüren unser Leben nicht, wenn es mit gleichmäßiger Geschwindigkeit dahin-strebt, egal wie schnell oder langsam; was kitzelt, das ist negative und positive Beschleunigung. Gas geben und stoppen. Und auch das ist wahr: Wer schneller fährt, muss öfter bremsen … Aber innere Ruhe ist möglich, indem ich den Bewegungsdrang auslagere, auf die Maschine projiziere. Weitereilen, sich nicht mit schlechten Erinnerungen abgeben, die Gegenwart entdecken und fahren lassen – hoffnungslos, aber blendender Stimmung. Das Reisen ist eigentlich nur gut für Leute, die nichts erwarten – für Buddhisten also und ihre Bodhies im Geiste.

Meditieren heißt ohne Begriffe zu denken; sehen ohne zu benennen, ohne Herrschaft über die Dinge anzustreben. Vielleicht auch nur, einfach Unsinn zu denken. Es hat keinen Sinn, aber es macht mich die Absurdität der Welt vergessen … Ich liebe es, im Bus zu schreiben. Jeder Buchstabe bekommt seine Form durch die Bewegung des Busses, durch die Beschaffenheit des Straßenstücks auf dem du dich gerade befindest … Blattgolden scheint die Sonne über diese rauen Berge, Bäume wachsen chinesisch in den Raum hinein. Dort, ein Granitkegel, zu erkennen an seiner runden Form. Und unter ihm, durch das Tal des Río Magdalena, treibt eine goldrosa umrandete Wolke auf den Schatten, während unser Bus sich auf vorgegebener Bahn windet. Weiße Rinder an den Hängen und die hellgrünen Sterne der Bananen. Ach, es wäre schön, könnte man sich die Welt in Gott getaucht vorstellen. Das kleine Mädchen neben ihm schaut Zak neugierig und scheu aus großen Augen an. Ihre Schwester, ein dickeres Kind mit kurzem Zopf, hängt über ihrer Sporttasche, die sie auf dem Schoß hat, und kotzt in eine Tüte. Ihre Mutter: eine schokobraune Madonna. Ein Bauarbeiter schaut dem Bus nach. Die untergehende Sonne strahlt ihm ins Gesicht, außen feurig rot und im Kern von sakralem Weiß.

Das ist nicht Jetzt, es ist ja dunkel. Aber was ist Reisen anderes, als diese kleinen Momente, die unverbunden und wie zufällig nebeneinander stehen. Selbst die Reihenfolge ist egal im Nachhi-nein. Zak denkt an die elektrikblauen Falter in Cahuita, an den Gammler, der im Talkessel von Bogotá badete und ihm zuwinkte, an die Transvestiten von La Libertad und Guatemala-Stadt, an die Cornflakes auf Tuk Bak und an Lola, die in all dem enthalten war und ist … Wie Zuckerwatte kleben die Wolken in den Zahnlücken der Berge … Jedes Land in Mittelamerika hat seinen eigenen Stil, was die Bemalung der importierten US-Busse angeht: In Guatemala sind es bunte Streifen mit geschwungenen Enden und Muster wie auf den Tüchern der Indianer. In San Salvador überschneiden sich vielfarbige Polygone und Kreise. Und in Panamá gleichen die Busse rollenden Fantasyfilmen: per Airbrush mit Drachenkämpfen, Traumlandschaften, chinesischen Figuren besprüht; auf der Motorhaube Spiegelpailletten und ganzjährig Weihnachtsbeleuchtung; Plüschboas um die Frontscheibe und neben dem Fahrersitz ein Schrein, aber der ist genauso Standardausstattung wie die Jesushologramme (mit wechselnden Leidensstadien, je nach Perspektive) und die eingerahmten Schulabschlüsse des Fahrers, falls vorhanden. Auf jeden Fall die Flasche, der er abgeschworen hat. Davor, darüber, irgendwo hängen immer Kabel.

Und manchmal flüchtet man von der Busstation direkt aufs Zimmer, auch das gehört dazu: Man liest, starrt die Wände an, wälzt sich auf dem Bett, onaniert, bekommt einen trockenen Mund, das Wasser ist aus, und erst nachdem die Luft so dick geworden ist, dass man es nicht mehr aushält, verlasse ich den Raum. Man isst ohne ein Wort zu reden, kauft sich eine verdammte Flasche Wasser und verzieht sich wieder auf das ewige Zimmer … Dieses Gefühl war am Anfang der Reise schlimm, und es hat nie nachgelassen. Was sich geändert hat, ist meine Art, damit umzugehen. Am nächsten Tag muss man sich zwingen, etwas zu unternehmen. Im Zweifel weiterreisen. Das funktioniert immer, denn Bewegung steigert die Chance, dass es zu einem Zusammenstoß, zu einer neuen Bekanntschaft kommen wird. Es ist ein statistisches Gesetz, dass man nicht lange allein bleibt. Dass sich da immer jemand finden wird, wie von selbst … Wie viele Definitionen von Freiheit mag es geben? … Sie sei das Erdulden von Lücken im Tagesablauf. Man ist frei diese Lücken auszufüllen – oder eben nicht. Und die Sicherheit ist eine Delikatesse. Wie köstlich muss es sein, von zwei Armen gehalten zu werden? Jetzt, ein warmer Busen, eine salzige Wange drückt sich an den Rücken; es wird nie aufhören: sicher!

Auf dem Weg von San Pedro Sula nach Tegucigalpa muss das gewesen sein: Neben ihm sitzt ein hübsches Mädchen mit vorstehenden Wangenknochen und hoher Stirn. Er spricht kein Wort mit ihr, aber nach einigen Stunden berührt sie ihn durch Zufall am Arm, und es kribbelt. Sie lässt ihren Arm an seinem, es scheint sie nicht zu stören. In jeder Kurve spürt er sie unter dem Druck der Fliehkräfte weichen und wiederkehren. Sie schauen einander nicht an, aber es ist erfrischend, einen anderen Menschen zu berühren, und gleichzeitig durchdringt ihn eine wohltuende Müdigkeit wie nach der Sauna. Sie hat einen kräftigen Körper mit kleinen Brüsten, manchmal glaubt er, sie rieche nach frischem Holz. Sein Arm rutscht unter ihren, und so sitzen sie Arm in Arm bis die Dämmerung hereinbricht, nur ein Spiel. Dann die Nacht und die entgegenkommenden Autos. Wie jetzt … Drei Geisterbusse rasen über diese viel zu enge Straße, und Glühbirnen sind die Sterne der Stadt. Die ersten scheinen auf, immer mehr, ein Lichtermeer bis zum Wechsel der Perspektive, bis zum Eintauchen. Erste Werbeschilder ziehen vorbei, der Motor macht ein anderes Geräusch.
Dein Leben: ein leeres Blatt
Papier fordert dich heraus
Busse überholen den deinen
in der übervollen Dunkelheit
drängen sich Worte auf
– entfallen. >> to top

Von seinem Platz an der Bar konnte Zak den pladdernden Regen sehen, der von den Korbstühlen und Sonnenschirmen auf der Terrasse abprallte und den Sand dunkel färbte. Hören konnte er das Prasseln nicht, denn Bässe und schwere Rhythmen – Roots, Raggamuffin und Merengue – versiegelten die offene Halle, so dass nichts von draußen hereindringen konnte.

Martin drückte ihm ein viertes oder fünftes Bier in die Hand und plapperte munter weiter, wo er vor fünf Minuten aufgehört hatte. Martin war 35 Jahre alt und kam aus Duisburg-Rheinhausen. Zak hatte ihn auf dem Boot kennen gelernt, das sie beide und drei Neuseeländer von Río Dulce nach Lívingston gebracht hatte.

Sie mussten die Fahrt den Fluss entlang unterbrechen, weil Martin eine schlimme Entzündung an der rechten Hand hatte. Ein Tropenkrankenhaus lag auf halber Strecke in der Mangrove, dort bekam Martin Antibiotika. Auf seine Frage, was die Medikamente denn kosten sollten, hatte die Ärztin erwidert, das Krankenhaus sei auf Spenden angewiesen. Es stehe jedem frei, einen angemessenen Betrag zu zahlen. Martin, eine ganz und gar unzeitgemäße Erscheinung mit seinem Tropenhut, mit der kurzen Hose, mit den Hosenträgern und den säuberlich hochgezogenen Socken warf fünf Dollar in die dafür vorgesehene Box. „Glauben Sie, das ist genug?“, hatte er Zak gefragt.

Und nun redete Martin wie der Regen: „Ja, und auf Jamaika war ich auch schon mal. Wir hatten ein schönes Hotel in Montego-Bay, und dann haben wir beide, mein Freund und ich, uns Motorräder ausgeliehen und sind mit zwei schwarzen Mädels um die Insel gekurvt. Wir haben die am Strand kennen gelernt. Das hat denen ja auch mal Spaß gemacht, mit zwei deutschen Jungs …“

Zak hörte nicht weiter zu. Er konzentrierte sich auf die Tanzenden, und seine Gedanken schwangen in ihrem Rhythmus. Für die Männer schienen Sex und Tanz dasselbe zu sein, doch die Frauen wichen gekonnt ihren Stößen aus. So tanzten sie ineinander verschlungen, und doch um einen unüberwindbar scheinenden Abstand ringend. Ach was Abstand! – da war Berührung überall. Es war eng und schwül.

Was Zaks Phantasie fliegen ließ und ihn mehr als alles andere fesselte, war jene dunkle Frau, die dort allein über den Beton spielte. Zeitlupe, leicht, kontrollierte Leidenschaft. Sie ist schlank und hat bunte Tücher wie Federn in ihre kurzen Rastalocken geflochten. Sie dreht sich barfuß, dirigiert Blicke mit den Fingerspitzen, wirft den Kopf in den Nacken und lässt ihn kreisen, vor und zurück. Ganz in sich und ignoriert von den Pärchen, in deren Mitte sie diesen Beschwörungstanz aufführt, bis all die Aufmerksamkeit, die gedankenverloren irgendwo im Raum schwebt, sich um sie herum zu einer lüsternen Aura verdichtet … einfach nur so.

Sie ist ein Filter, der alle Geräusche dämpft, und er nimmt die Musik nur noch über den Takt ihrer Bewegungen auf. Alle Sinne in ihr … Es ist ihr Bauchnabel, der tanzt, und die Welt dreht sich um die Mitte ihres Leibes. Sie ist Dynamit, lässt die Farben explodieren; die ungekrönte Dancehall Queen: Ein Paradiesvogel, der in seinem Käfig flattert und seine Betrachter bezaubert, so dass sie glauben, sie selbst seien gefangen zwischen goldenen Gitterstäben. Sie tanzt ihre Freiheit, ihr eigenes kleines Paradies … Martin hatte ein neues Bier geholt … Ein Augenblick der Unachtsamkeit, und der Paradiesvogel verschwand so unbemerkt wie er aufgetaucht war.

Zak nahm das Gespräch wieder auf: „Ich würde mir jetzt so richtig gerne einen rauchen. Immerhin sind wir in der Karibik. Was meinst du?“

Martin schien keine Lust zu haben. Es hatte aufgehört zu regnen, und bald machten sie sich auf den Weg zurück in ihr Hotel. Das Abyssinian Palace war im mauretanischen Stil erbaut, mit weißgekalkten Burgmauern und Minaretten, mit Säulengängen und einem gepflegten Garten. Es wirkte wie von einem Lampengeist aus einem fremden Land herübergewirkt und hingeklotzt. Auf der Straße kurz vor dem Hotel wurden sie von zwei jungen Männern angesprochen; beide trugen Baseballkappen und schlabberige Netzhemden.

Hey psss, wanna buy ganja? … No? … Yes? So what, coochie! Entscheide dich … ist es dir zu gefährlich? Haha … pass auf, wir machen das so: Du gibst mir das Geld und wartest hier, und ich bring dir dann das Zeug … Nein? … Nur fünf Dollar hast du … na, dafür bekommst du schon eine Menge Ganja … Also gut dann komm mit, Coochie. Mein Name ist Dennis.“

Zak und Dennis ließen Martin und den anderen stehen und bogen in eine Seitengasse ein, nutzten einige Schleichpfade und liefen querfeldein durch einen Garten.

„Ist es noch weit? … Hey, da. Schau mal!“ Zak zeigte auf ein weißes Kaninchen, das unter einem Strauch hockte.

„Oh Coochie“, freute sich Dennis. „Den schnappen wir uns!“

Er schlich in weitem Bogen um den Strauch herum und trieb dann das Kaninchen auf Zak zu, der vergeblich versuchte, es zu greifen. Es wich aus, hoppelte einige Schritte weiter und blieb sitzen. Noch einmal versuchten sie es, diesmal andersherum. Dennis verfehlte den Burschen ebenfalls, er schlug einen Hacken und rannte Zak genau in die Arme. Er wusste nicht, welchen Sinn das haben sollte, ein Karnickel zu fangen, aber er übergab es an Dennis, der es an den Ohren fasste und fröhlich weiter schlenderte.

„Und was jetzt? Willst du es etwa mitnehmen?“

„Natürlich, ich habe ja schon eins, das braucht Gesellschaft, Coochie, haha!“
Zak konnte nicht mit ansehen, wie Dennis das Tier an den Ohren hin- und herschlenkerte, also nahm er es ihm ab und klemmte es sich selbst unter den Arm. Bald erreichten sie eine Hütte.

„Du musst leise sein, Coochie, meine Großmutter schläft schon.“ Sie schlichen durch den dunklen, mit Gerümpel verstellten Flur und gelangten in ein chaotisches Zimmer. Es gab einen kleinen Tisch; jede Menge Müll und eine zerfetzte Matratze lagen in einer Ecke. In der gegenüberliegenden hockte zwischen etwas Salat tatsächlich ein weiteres Kaninchen.

„Das ist ein Männchen, schau mal nach, was wir da mitgebracht haben, Coochie … ja, schau ruhig mal nach.“

Ungeschickt hielt Zak das Tier hoch und versuchte, im trüben Licht der Glühbirne etwas zu erkennen.

„Also gut, Coochie, lass mal sehen.“ Dennis nahm es ihm ab: „Jahaha, das ist ein Weibchen, das wird sich hier wohl fühlen! Und du wirst auch deinen Spaß haben, Bunny Wailer.“

Er schickte den Hoppler zu seinem Kollegen, dann holte er un-ter dem Tisch einige Klumpen Gras hervor, eingewickelt in braunes Packpapier, wie eine Rolle Geldstücke. Dazu eine Zigarre; von der wickelte Dennis einige Tabakblätter ab und drehte daraus einen knorrigen Wurzeljoint, der sich gewaschen hatte.

„Weil du es bist, Coochie, will ich dir was verraten.“ Dennis stieß eine gewaltige Wolke aus und senkte die Stimme zu einem Ganja-Flüstern. „Die meisten Touristen merken nicht mal den Unterschied zwischen Shit und Karnickelscheiße, wenn sie schon rauchen.“ >> to top

Eine Gruppe versteinerter Gehirne liegt auf dem Grund des Meeres und rechnet langsam, aber stetig wie die Strömung vor sich hin. Papageienfische umschwärmen die Korallenstöcke, knapsen an ihren Synapsen und tragen die Ergebnisse der jahrhundertelangen Gedankenarbeit in alle Ecken des versunkenen Königreichs, während fette Barsche mit wulstigen Mäulern und Matten von Orden an der Brust zwischen Felsen promenieren. Dunkel und verschwommen ragen sie weit hinten auf. Ein Ammenhai, stahlgrau, elegant geschnitten und kraftvoll wie ein Sportwagen, gleitet nachlässig über Sand; mit einem Zucken seines Schwanzmuskels bringt er sich außer Sicht. Bolzenförmige Barrakudas patrouillieren stumpfsinnig ihr Revier, und dem Clownfisch, plastikbunt, einem Spielzeugladen entschwommen, sind seine Possen verflossen. Mit dem unsichtbaren Schwall … tanzen Fächerkorallen und Seegras auf der Innenseite des Riffs. Und die Ringe auf dem weißen Rücken des Rochens erzählen die ganze Geschichte. Von Mangel und Überfluss, Räubern und Beute, Schweben und Strömung. Unberührbar, lautlos. Aufgebaut aus Myriaden schimmernder Blasen, aus den bizarren Träumen der Blasendenker.

Für den wahrhaft liebenden Taucher bedarf es keiner Ermahnung, diese Schönheit nicht zu stören – selbst wenn sie so nett formuliert ist wie auf jenem Pappschild, das an der Tür der Tauchschule hängt, oben in der anderen Welt:
Take only pictures,
leave only bubbles,
don’t touch the coral! >> to top

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