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Das Leben, Blicke
| Abflug
| Unterwegs
| Rastafari
| Das Riff
Die
Eltern sagen: Geld verdienen, eine Familie gründen,
denn du sollst zufrieden sein. Die Freunde fordern: Komm!
Das ziehen wir uns rein. Bob Marley singt: One Love. Jim
Morrison: Gib Gas! Die Ökos: Autos machen keinen Spaß.
Die Punks: Haste mal zehn Cent! Der Fernseher: Kauf mich!
(… implodiert und brennt.) Der Pfarrer: Gott ist das
Licht! Die Atheisten: Stimmt ja nich’ … Licht
aus! Kommen die Rechten, singen: Ausländer rrraus!
Und der Intellektuelle: Sieh das mal differenzierter, hey,
lass uns das mal ausdiskutieren … und just hier erscheint
Albert Einstein und doziert, Zeit und Masse eines Objekts
verhielten sich relativ zu seiner Geschwindigkeit oder so
ähnlich. Wie ist das, haben Dicke dann mehr Zeit oder
bewegen sie sich einfach langsamer? … Scheiße,
wie soll man sich denn für etwas entscheiden, wenn
alles so gottverdammt relativ ist?!
Als
Zacharias aus kargem Schlaf erwachte, versuchte er sich
Müdigkeit vorzutäuschen, denn der Abschied stand
bevor. Laila, bei der er geschlafen hatte, brachte ihn um
vier Uhr morgens, als ihre rote Liebeskerze erst halb abgebrannt
war, zum Haus seiner Eltern, küsste ihm Lebewohl, sagte
ihm all das, was wichtig war, und schon stand Zacharias
unter einem missmutigen Oktoberhimmel, der zwingend und
zerrissen ihm selbst entquollen schien. Er hatte Laila kein
Versprechen geben wollen, hatte ihr nur erklärt:
– Ich
will frei sein, will zumindest das Gefühl haben, frei
zu sein. Und so kann ich auch nicht von dir verlangen, dass
du auf mich wartest … Wir wussten ja von Anfang an,
dass ich gehen würde … was passiert, das passiert
– aber vielleicht passiert ja auch nichts, wenn das
Gefühl dagegen spricht … Wichtig ist nur, dass
wir uns alles sagen; und ich werde dich nicht anlügen
… Ich liebe dich. Aber ich muss jetzt gehen.
– Es
ist deine Entscheidung, hatte Laila geantwortet. Ich will
dich nicht abhalten. Du sollst nur wissen … ich weiß,
du willst das jetzt nicht hören, es ist dir unangenehm,
du willst dich nicht festlegen, aber … ich würde
gern was mit dir aufbauen. Ist das nicht Liebe? Denk nur
bitte drüber nach. Ich wünsch dir alles Gute.
Zak, wie ihn
seine Freunde nannten, erlebte jeden Augenblick zeitverzögert.
Lailas Worte tanzten ihm noch durch den Kopf, als das Auto
längst abgefahren war. Es waren auch nicht genau die
Worte, die gefallen waren, sondern die Essenz aus dem, was
Laila und er schon hunderte Male besprochen hatten –
so oft, bis sie selbst daran glaubten.
Er hatte sich
schon immer auf Ankündigungen verlassen, wenn es darum
ging, sich selbst einen Handlungszwang aufzuerlegen. Wenn
zum Beispiel seine Eltern oder Freunde ihn fragten, was
der eigentliche Grund für seine Reise sei, antwortete
Zak manchmal etwas hochgestochen:
– Ich
will eine Welt kennen lernen, die anders ist; weil unsere
nicht alles sein kann. Nach dem Relativitätsprinzip
kann man ja nicht feststellen, wie schnell und wohin sich
das eigene System bewegt, wenn man keinen äußeren
Bezugspunkt hat. Man muss erst ausbrechen, um den Käfig
zu sehen. Genauer kann ich es euch nicht beschreiben.
Darauf erwiderten einige: – Du hast wohl zuviel in
deinen Büchern gelesen … Das ist doch reine Zeitverschwendung
… Das muss man sich mal vorstellen, du verlierst ein
ganzes Jahr mit solchem Unfug! Du musst eine Ausbildung
machen oder studieren, du musst arbeiten, musst verdienen,
was Vernünftiges machen. Du wirst dich nach einem Jahr
in Lateinamerika nicht wieder eingliedern können: Du
musst, du musst, bumm bumm, bumm bumm.
Andere warnten
ihn, gegen Windmühlen zu kämpfen: – Die
Welt ist so, wie sie ist, mein Junge, du kannst sie nicht
ändern, das haben schon andere vor dir versucht …
und du siehst ja, was daraus geworden ist!
Aber es gab
auch Leute, die ihn besser verstanden, dazu gehör-ten
seine Eltern, die sagten: – Natürlich ist die
Welt schön und aufregend. Und du sollst sie dir ja
auch erobern. Aber warum Lateinamerika, warum Guatemala?
Dort ist es so gefährlich. Sieh doch die Guerilla!
Die Überfälle, die Erdbeben, die Krankheiten!
Und diese Armut! Überleg es dir noch mal,
flieg doch nach
Australien.
Natürlich
brachte Zak auch einige Argumente, die selbst vom Standpunkt
der anderen für sein Vorhaben sprachen: So eine Reise
konnte kein verlorenes Jahr sein, mit all der Erfahrung,
die er erwerben würde, vor allem mit einer neuen Sprache.
Insgeheim aber wischte er alle Einwände beiseite: Keiner
seiner Freunde und Verwandten sprach aus Erfahrung, glaubte
er, vielmehr waren es Angst oder Klischees, die aus ihnen
sprachen, oder sie konnten einfach nicht loslassen.
Er wollte weg,
es stieß ihn und es zog. Voriges Jahr in Südfrankreich
hatte es ihn gepackt: Gerade On the road
gelesen
und mit Nadia aus Montreal durchgezecht, eine ganze Nacht
durchgeredet, nur geredet – über das Grab von
Jim Morrison in Paris, über Nietzsche, Dionysos und
den ganzen Rest – noch eine Flasche Wein auf den Klippen
– und über das Reisen, die Idee des Reisens.
Nadia war
diese Idee, war es gewesen … so
lange schon unterwegs und so viele Geschichten, und zum
Schluss hatten sie immer nur halbe Sätze gebraucht, of course, of course
– dieses Verstehen mit
nur wenigen gemeinsamen Worten.
Seitdem träumte
Zak. Wollte high sein von der Freiheit (und dem was in ihr
wächst). Wollte fremde Menschen berühren, Staub
schmecken und Kokossaft trinken und was man so tut in wilden
Straßen, in schattigen Gärten. Er wollte die
Anden sehen und die Karibik und unbedingt den Amazonas;
und besser noch selbst durch Lateinamerika rauschen, voll
und biegsam, alles auf- und mitzunehmen im Oberlauf, um
sich schließlich ins Meer zu schütten, braun
und fruchtbar.
In Guatemala
würde die Reise beginnen und in Caracas enden, darauf
hatte er sich festgelegt – mehr nicht; der Rest würde
sich ergeben. Nur wenig hatte er gelesen über Lateinamerika,
ohne Urteile wollte er durch die Welt ziehen. Und seinen
Spanischkurs an der Volkshochschule hatte er in alter Schultradition
ver-schlampt, die Freunde und das Feiern waren wichtiger
gewesen. Er fühlte sich also schlecht vorbereitet,
aber sich darüber Sorgen zu machen, lohnte nicht. Der
Rucksack war gepackt und viel zu schwer von den vielen Büchern,
und er musste das jetzt durchziehen: Liebe und Freundschaft
zurückweisen, wofür auch immer.
Laila, seine
Lola wenn es heiß wurde – jeden Tag ihrer kurzen
Beziehung hatte er ihr neue Namen gegeben, und dieser war
geblieben – Lola also war dazwischengekommen vor drei
Monaten, als sein Entschluss schon lange feststand. Es war
einfach passiert, obwohl er sich gegen diese Liebe gewehrt
hatte.
Und nun stand er hier: eine gewöhnliche Straße
im Ruhrgebiet, seine erste Straße. Laila hatte nicht
mit hinein kommen wollen zu seinen Eltern, aber er würde
jetzt nicht nachgeben. Sein Gesicht verzerrte sich, konnte
sich nicht wieder entkrampfen, so wie das ist, wenn man
um jeden Preis die Tränen zurückhalten will.
Zu viele Worte zum Abschied tun weh.
Auf der Vergangenheit liegt glühender Staub.
Alles war gut, und nichts wird mehr, wie es war.
Küss mich, als wäre es das letzte Mal. >>
to top
In
diesen wilden Bergen zwischen dem Río Magdalena und
Medellín gab es niemanden, den das ständige
Hupen des Busses vor jeder Kurve hätte stören
können, und die Passagiere starrten gebannt auf den
Bildschirm, über den ein Actionfilm knallte und sprang
und kickboxte … Eines hatte Zak gelernt: Ein Auto
ohne Hupe ist wie ein Mann ohne cojones. Jedes
Mal wenn sie durch ein Straßendorf kamen, vorbei an
einem Heiligenschrein oder einer Kirche, betete er, dass
endlich die Dunkelheit käme, denn dann würden
die Scheinwerfer eingeschaltet, und die Fahrer könnten
die Lichthupe zur Warnung der entgegenkommenden Busse einsetzen.
Vielleicht würde dann auch endlich der verdammte Fernseher
abgeschaltet.
Und Scheiße!
Wozu braucht die Welt Jean-Claude van Damme? Man will die
Landschaft genießen, doch der aufdringliche Krach,
das Geflim-mer, lässt einen immer wieder zum Bildschirm
lünkern. Selbst wenn man eine Weile bewusst wegschaut,
irgendwie fängt es einen doch wieder, oder man sieht
Karatesprünge reflektiert in den Scheiben. Es lässt
sich nicht vermeiden. Und es stellt sich die Frage, was
kitschiger ist – die südamerikanische Vorliebe
für neonbeleuchtete Kirchenfassaden und leidende Jesusfiguren
oder die nordamerikanische Auffassung von Heldentum und
Männlichkeit?
Das Video erlosch
tatsächlich, als die Berge zu bizarren Schatten im
Mondlicht wurden. Man konnte sie nur sehen, wenn man die
Nase an die Scheibe drückte und das Blickfeld mit den
Hän-den abschirmte, denn die Schlafbeleuchtung verwandelte
die Scheiben in Spiegel und das Innere des hochmodernen
aerodyna-mischen Busses in ein U-Boot. Ein beruhigendes
Brummen war zu hören und das Knistern der Kleidung,
wenn sich jemand in seinem Sitz herumwälzte. Das Atmen
von fünfzig Menschen, darin einzelne Schnarcher, die
nach jeder scharfen Kurve und jedem überdurchschnittlichen
Schlagloch verstummten. Die Klimaanlage verströmte
eine trockene Kälte. Tauchfahrt durch die Nacht. In
den Scheiben spiegelt sich das Innere des Busses. Neben
uns, links und rechts, fahren zwei weitere Busse; drei Busse
auf einer so schmalen Straße, das kann nicht gut gehen.
Welcher ist der richtige, welcher der wahre Bus? Zwei sind
nur Ideen … und die Mondsichel grinst wie eine Katze
ohne Katze, Gedanken tanzen im Rhythmus der Straße
… so let’s ride and ride and ride … guter
alter Iggy.
Das Wanderfieber
ergriff Zak in Phasen, und nun war es wie-der soweit. Nach
nur einer Nacht in Santa Fe hatte er das Gefühl, weiter
zu müssen, woanders etwas zu verpassen: Das Leben ist
eine Reise. Und aus der Bewegung heraus, erscheint auch
das Zuhause nur als eine Station von vielen. Stillstand
ist Rückschritt, und der Mensch muss weiter, immer
weiter. Reisen bedeutet auch, sich verändern zu lassen.
Jetzt nur sich nicht in Sätzen verheddern, Phrasen
über Phrasen.
Nichts
habe ich getan, wenn ich einen ganzen Tag im Bus gesessen
habe, dennoch bin ich glücklich, weitergekommen zu
sein: Das Unterwegs als Zustand – aktives Passivsein,
Verharren in Bewegung –, es packt mich, drängt
mich weiter, und gleichzeitig frage ich mich, warum, was
soll ich hier? Was soll noch der Amazonas? Dann wieder:
Ich bin der Amazonas. Weil: Reisen ist manchmal bloßes
Fließen, dann wieder ein fragendes Hin und Her nach
dem Meer.
Nach Newton
gibt es keinen absoluten Ruhepunkt im Raum, jede Be-wegung
ist relativ, und nach Einstein gilt dieses Prinzip auch
für die Zeit: Damit ist es eine Frage des Standpunkts,
ob ein Bus fährt, oder ob die Erde sich unter ihm wegdreht.
Bewegung ist eine Frage der Perspektive. Das Konzept von
der Ortsgebundenheit der Heimat hat sich längst überholt.
Reisen
kann man in Bussen und Gedanken. Unmöglich dabei mit
der Welt im Reinen zu sein, aber wer möchte das schon?
Ich will meinen zerrissenen Himmel genießen, die Energie
der Reibung. Wir spüren unser Leben nicht, wenn es
mit gleichmäßiger Geschwindigkeit dahin-strebt,
egal wie schnell oder langsam; was kitzelt, das ist negative
und positive Beschleunigung. Gas geben und stoppen. Und
auch das ist wahr: Wer schneller fährt, muss öfter
bremsen … Aber innere Ruhe ist möglich, indem
ich den Bewegungsdrang auslagere, auf die Maschine projiziere.
Weitereilen, sich nicht mit schlechten Erinnerungen abgeben,
die Gegenwart entdecken und fahren lassen – hoffnungslos,
aber blendender Stimmung. Das Reisen ist eigentlich nur
gut für Leute, die nichts erwarten – für
Buddhisten also und ihre Bodhies im Geiste.
Meditieren
heißt ohne Begriffe zu denken; sehen ohne zu benennen,
ohne Herrschaft über die Dinge anzustreben. Vielleicht
auch nur, einfach Unsinn zu denken. Es hat keinen Sinn,
aber es macht mich die Absurdität der Welt vergessen
… Ich liebe es, im Bus zu schreiben. Jeder Buchstabe
bekommt seine Form durch die Bewegung des Busses, durch
die Beschaffenheit des Straßenstücks auf dem
du dich gerade befindest … Blattgolden scheint
die Sonne über diese rauen Berge, Bäume wachsen
chinesisch in den Raum hinein. Dort, ein Granitkegel, zu
erkennen an seiner runden Form. Und unter ihm, durch das
Tal des Río Magdalena, treibt eine goldrosa umrandete
Wolke auf den Schatten, während unser Bus sich auf
vorgegebener Bahn windet. Weiße Rinder an den Hängen
und die hellgrünen Sterne der Bananen. Ach, es wäre
schön, könnte man sich die Welt in Gott getaucht
vorstellen. Das kleine Mädchen neben ihm schaut Zak
neugierig und scheu aus großen Augen an. Ihre Schwester,
ein dickeres Kind mit kurzem Zopf, hängt über
ihrer Sporttasche, die sie auf dem Schoß hat, und
kotzt in eine Tüte. Ihre Mutter: eine schokobraune
Madonna. Ein Bauarbeiter schaut dem Bus nach. Die untergehende
Sonne strahlt ihm ins Gesicht, außen feurig rot und
im Kern von sakralem Weiß.
Das ist nicht Jetzt, es ist ja dunkel. Aber was ist Reisen anderes,
als diese kleinen Momente, die unverbunden und wie zufällig
nebeneinander stehen. Selbst die Reihenfolge ist egal im
Nachhi-nein. Zak denkt an die elektrikblauen Falter in Cahuita,
an den Gammler, der im Talkessel von Bogotá badete
und ihm zuwinkte, an die Transvestiten von La Libertad und
Guatemala-Stadt, an die Cornflakes auf Tuk Bak und an Lola,
die in all dem enthalten war und ist … Wie Zuckerwatte
kleben die Wolken in den Zahnlücken der Berge …
Jedes Land in Mittelamerika hat seinen eigenen Stil, was
die Bemalung der importierten US-Busse angeht: In Guatemala
sind es bunte Streifen mit geschwungenen Enden und Muster
wie auf den Tüchern der Indianer. In San Salvador überschneiden
sich vielfarbige Polygone und Kreise. Und in Panamá
gleichen die Busse rollenden Fantasyfilmen: per Airbrush
mit Drachenkämpfen, Traumlandschaften, chinesischen
Figuren besprüht; auf der Motorhaube Spiegelpailletten
und ganzjährig Weihnachtsbeleuchtung; Plüschboas
um die Frontscheibe und neben dem Fahrersitz ein Schrein,
aber der ist genauso Standardausstattung wie die Jesushologramme
(mit wechselnden Leidensstadien, je nach Perspektive) und
die eingerahmten Schulabschlüsse des Fahrers, falls
vorhanden. Auf jeden Fall die Flasche, der er abgeschworen
hat. Davor, darüber, irgendwo hängen immer Kabel.
Und manchmal
flüchtet man von der Busstation direkt aufs Zimmer,
auch das gehört dazu: Man liest, starrt die Wände
an, wälzt sich auf dem Bett, onaniert, bekommt einen
trockenen Mund, das Wasser ist aus, und erst nachdem die
Luft so dick geworden ist, dass man es nicht mehr aushält,
verlasse ich den Raum. Man isst ohne ein Wort zu reden,
kauft sich eine verdammte Flasche Wasser und verzieht sich
wieder auf das ewige Zimmer … Dieses Gefühl war
am Anfang der Reise schlimm, und es hat nie nachgelassen.
Was sich geändert hat, ist meine Art, damit umzugehen.
Am nächsten Tag muss man sich zwingen, etwas zu unternehmen.
Im Zweifel weiterreisen. Das funktioniert immer, denn Bewegung
steigert die Chance, dass es zu einem Zusammenstoß,
zu einer neuen Bekanntschaft kommen wird. Es ist ein statistisches
Gesetz, dass man nicht lange allein bleibt. Dass sich da
immer jemand finden wird, wie von selbst … Wie viele
Definitionen von Freiheit mag es geben? … Sie sei
das Erdulden von Lücken im Tagesablauf. Man ist frei
diese Lücken auszufüllen – oder eben nicht.
Und die Sicherheit ist eine Delikatesse. Wie köstlich
muss es sein, von zwei Armen gehalten zu werden? Jetzt,
ein warmer Busen, eine salzige Wange drückt sich an
den Rücken; es wird nie aufhören: sicher!
Auf dem Weg von San Pedro Sula nach Tegucigalpa muss das
gewesen sein: Neben ihm sitzt ein hübsches Mädchen
mit vorstehenden Wangenknochen und hoher Stirn. Er spricht
kein Wort mit ihr, aber nach einigen Stunden berührt
sie ihn durch Zufall am Arm, und es kribbelt. Sie lässt
ihren Arm an seinem, es scheint sie nicht zu stören.
In jeder Kurve spürt er sie unter dem Druck der Fliehkräfte
weichen und wiederkehren. Sie schauen einander nicht an,
aber es ist erfrischend, einen anderen Menschen zu berühren,
und gleichzeitig durchdringt ihn eine wohltuende Müdigkeit
wie nach der Sauna. Sie hat einen kräftigen Körper
mit kleinen Brüsten, manchmal glaubt er, sie rieche
nach frischem Holz. Sein Arm rutscht unter ihren, und so
sitzen sie Arm in Arm bis die Dämmerung hereinbricht,
nur ein Spiel. Dann die Nacht und die entgegenkommenden
Autos. Wie jetzt … Drei Geisterbusse rasen über
diese viel zu enge Straße, und Glühbirnen sind
die Sterne der Stadt. Die ersten scheinen auf, immer mehr,
ein Lichtermeer bis zum Wechsel der Perspektive, bis zum
Eintauchen. Erste Werbeschilder ziehen vorbei, der Motor
macht ein anderes Geräusch.
Dein Leben: ein leeres Blatt
Papier fordert dich heraus
Busse überholen den deinen
in der übervollen Dunkelheit
drängen sich Worte auf
– entfallen. >> to top
Von
seinem Platz an der Bar konnte Zak den pladdernden Regen
sehen, der von den Korbstühlen und Sonnenschirmen auf
der Terrasse abprallte und den Sand dunkel färbte.
Hören konnte er das Prasseln nicht, denn Bässe
und schwere Rhythmen – Roots, Raggamuffin und Merengue
– versiegelten die offene Halle, so dass nichts von
draußen hereindringen konnte.
Martin drückte
ihm ein viertes oder fünftes Bier in die Hand und plapperte
munter weiter, wo er vor fünf Minuten aufgehört
hatte. Martin war 35 Jahre alt und kam aus Duisburg-Rheinhausen.
Zak hatte ihn auf dem Boot kennen gelernt, das sie beide
und drei Neuseeländer von Río Dulce nach Lívingston
gebracht hatte.
Sie mussten die Fahrt den Fluss entlang unterbrechen, weil
Martin eine schlimme Entzündung an der rechten Hand
hatte. Ein Tropenkrankenhaus lag auf halber Strecke in der
Mangrove, dort bekam Martin Antibiotika. Auf seine Frage,
was die Medikamente denn kosten sollten, hatte die Ärztin
erwidert, das Krankenhaus sei auf Spenden angewiesen. Es
stehe jedem frei, einen angemessenen Betrag zu zahlen. Martin,
eine ganz und gar unzeitgemäße Erscheinung mit
seinem Tropenhut, mit der kurzen Hose, mit den Hosenträgern
und den säuberlich hochgezogenen Socken warf fünf
Dollar in die dafür vorgesehene Box. „Glauben
Sie, das ist genug?“, hatte er Zak gefragt.
Und nun redete Martin wie der Regen: „Ja, und auf
Jamaika war ich auch schon mal. Wir hatten ein schönes
Hotel in Montego-Bay, und dann haben wir beide, mein Freund
und ich, uns Motorräder ausgeliehen und sind mit zwei
schwarzen Mädels um die Insel gekurvt. Wir haben die
am Strand kennen gelernt. Das hat denen ja auch mal Spaß
gemacht, mit zwei deutschen Jungs …“
Zak hörte nicht weiter zu. Er konzentrierte sich auf
die Tanzenden, und seine Gedanken schwangen in ihrem Rhythmus.
Für die Männer schienen Sex und Tanz dasselbe
zu sein, doch die Frauen wichen gekonnt ihren Stößen
aus. So tanzten sie ineinander verschlungen, und doch um
einen unüberwindbar scheinenden Abstand ringend. Ach
was Abstand! – da war Berührung überall.
Es war eng und schwül.
Was Zaks Phantasie
fliegen ließ und ihn mehr als alles andere fesselte,
war jene dunkle Frau, die dort allein über den Beton
spielte. Zeitlupe, leicht, kontrollierte Leidenschaft. Sie
ist schlank und hat bunte Tücher wie Federn in ihre
kurzen Rastalocken geflochten. Sie dreht sich barfuß,
dirigiert Blicke mit den Fingerspitzen, wirft den Kopf in
den Nacken und lässt ihn kreisen, vor und zurück.
Ganz in sich und ignoriert von den Pärchen, in deren
Mitte sie diesen Beschwörungstanz aufführt, bis
all die Aufmerksamkeit, die gedankenverloren irgendwo im
Raum schwebt, sich um sie herum zu einer lüsternen
Aura verdichtet … einfach nur so.
Sie ist ein
Filter, der alle Geräusche dämpft, und er nimmt
die Musik nur noch über den Takt ihrer Bewegungen auf.
Alle Sinne in ihr … Es ist ihr Bauchnabel, der tanzt,
und die Welt dreht sich um die Mitte ihres Leibes. Sie ist
Dynamit, lässt die Farben explodieren; die ungekrönte
Dancehall Queen: Ein Paradiesvogel, der in seinem Käfig
flattert und seine Betrachter bezaubert, so dass sie glauben,
sie selbst seien gefangen zwischen goldenen Gitterstäben.
Sie tanzt ihre Freiheit, ihr eigenes kleines Paradies …
Martin hatte ein neues Bier geholt … Ein Augenblick
der Unachtsamkeit, und der Paradiesvogel verschwand so unbemerkt
wie er aufgetaucht war.
Zak nahm das
Gespräch wieder auf: „Ich würde mir jetzt
so richtig gerne einen rauchen. Immerhin sind wir in der
Karibik. Was meinst du?“
Martin schien
keine Lust zu haben. Es hatte aufgehört zu regnen,
und bald machten sie sich auf den Weg zurück in ihr
Hotel. Das Abyssinian Palace
war im mauretanischen
Stil erbaut, mit weißgekalkten Burgmauern und Minaretten,
mit Säulengängen und einem gepflegten Garten.
Es wirkte wie von einem Lampengeist aus einem fremden Land
herübergewirkt und hingeklotzt. Auf der Straße
kurz vor dem Hotel wurden sie von zwei jungen Männern
angesprochen; beide trugen Baseballkappen und schlabberige
Netzhemden.
„Hey
psss, wanna buy ganja? … No? … Yes? So what,
coochie!
Entscheide dich … ist es dir zu gefährlich?
Haha … pass auf, wir machen das so: Du gibst mir das
Geld und wartest hier, und ich bring dir dann das Zeug …
Nein? … Nur fünf Dollar hast du … na, dafür
bekommst du schon eine Menge Ganja … Also gut dann
komm mit, Coochie. Mein Name ist Dennis.“
Zak und Dennis
ließen Martin und den anderen stehen und bogen in
eine Seitengasse ein, nutzten einige Schleichpfade und liefen
querfeldein durch einen Garten.
„Ist
es noch weit? … Hey, da. Schau mal!“ Zak zeigte
auf ein weißes Kaninchen, das unter einem Strauch
hockte.
„Oh Coochie“,
freute sich Dennis. „Den schnappen wir uns!“
Er schlich
in weitem Bogen um den Strauch herum und trieb dann das
Kaninchen auf Zak zu, der vergeblich versuchte, es zu greifen.
Es wich aus, hoppelte einige Schritte weiter und blieb sitzen.
Noch einmal versuchten sie es, diesmal andersherum. Dennis
verfehlte den Burschen ebenfalls, er schlug einen Hacken
und rannte Zak genau in die Arme. Er wusste nicht, welchen
Sinn das haben sollte, ein Karnickel zu fangen, aber er
übergab es an Dennis, der es an den Ohren fasste und
fröhlich weiter schlenderte.
„Und
was jetzt? Willst du es etwa mitnehmen?“
„Natürlich,
ich habe ja schon eins, das braucht Gesellschaft, Coochie,
haha!“
Zak konnte nicht mit ansehen, wie Dennis das Tier an den
Ohren hin- und herschlenkerte, also nahm er es ihm ab und
klemmte es sich selbst unter den Arm. Bald erreichten sie
eine Hütte.
„Du musst
leise sein, Coochie, meine Großmutter schläft
schon.“ Sie schlichen durch den dunklen, mit Gerümpel
verstellten Flur und gelangten in ein chaotisches Zimmer.
Es gab einen kleinen Tisch; jede Menge Müll und eine
zerfetzte Matratze lagen in einer Ecke. In der gegenüberliegenden
hockte zwischen etwas Salat tatsächlich ein weiteres
Kaninchen.
„Das
ist ein Männchen, schau mal nach, was wir da mitgebracht
haben, Coochie … ja, schau ruhig mal nach.“
Ungeschickt
hielt Zak das Tier hoch und versuchte, im trüben Licht
der Glühbirne etwas zu erkennen.
„Also
gut, Coochie, lass mal sehen.“ Dennis nahm es ihm
ab: „Jahaha, das ist ein Weibchen, das wird sich hier
wohl fühlen! Und du wirst auch deinen Spaß haben,
Bunny Wailer.“
Er schickte
den Hoppler zu seinem Kollegen, dann holte er un-ter dem
Tisch einige Klumpen Gras hervor, eingewickelt in braunes
Packpapier, wie eine Rolle Geldstücke. Dazu eine Zigarre;
von der wickelte Dennis einige Tabakblätter ab und
drehte daraus einen knorrigen Wurzeljoint, der sich gewaschen
hatte.
„Weil
du es bist, Coochie, will ich dir was verraten.“ Dennis
stieß eine gewaltige Wolke aus und senkte die Stimme
zu einem Ganja-Flüstern. „Die meisten Touristen
merken nicht mal den Unterschied zwischen Shit und Karnickelscheiße,
wenn sie schon rauchen.“ >> to
top
Eine
Gruppe versteinerter Gehirne liegt auf dem Grund des Meeres
und rechnet langsam, aber stetig wie die Strömung vor
sich hin. Papageienfische umschwärmen die Korallenstöcke,
knapsen an ihren Synapsen und tragen die Ergebnisse der
jahrhundertelangen Gedankenarbeit in alle Ecken des versunkenen
Königreichs, während fette Barsche mit wulstigen
Mäulern und Matten von Orden an der Brust zwischen
Felsen promenieren. Dunkel und verschwommen ragen sie weit
hinten auf. Ein Ammenhai, stahlgrau, elegant geschnitten
und kraftvoll wie ein Sportwagen, gleitet nachlässig
über Sand; mit einem Zucken seines Schwanzmuskels bringt
er sich außer Sicht. Bolzenförmige Barrakudas
patrouillieren stumpfsinnig ihr Revier, und dem Clownfisch,
plastikbunt, einem Spielzeugladen entschwommen, sind seine
Possen verflossen. Mit dem unsichtbaren Schwall …
tanzen Fächerkorallen und Seegras auf der Innenseite
des Riffs. Und die Ringe auf dem weißen Rücken
des Rochens erzählen die ganze Geschichte. Von Mangel
und Überfluss, Räubern und Beute, Schweben und
Strömung. Unberührbar, lautlos. Aufgebaut aus
Myriaden schimmernder Blasen, aus den bizarren Träumen
der Blasendenker.
Für den wahrhaft liebenden Taucher bedarf es keiner
Ermahnung, diese Schönheit nicht zu stören –
selbst wenn sie so nett formuliert ist wie auf jenem Pappschild,
das an der Tür der Tauchschule hängt, oben in
der anderen Welt:
Take only pictures,
leave only bubbles,
don’t touch the coral! >> to
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